Geschlechtergerechter öffentlicher Dienst

Dauerbaustelle „Gleichstellung“ endlich fertig stellen

Die Corona-Krise hat offengelegt, wie dramatisch die Defizite bei der Gleichstellung in den öffentlichen Verwaltungen teilweise sind. Nach wie vor sind es die überwiegend von Frauen ausgeübten Berufe, die nicht die Wertschätzung erfahren, die sie verdienen.

„In den anstehenden Tarifverhandlungen wird es auch genau darum gehen müssen“, bekräftigten dbb Chef Ulrich Silberbach und die neugewählte Vorsitzende der dbb bundesfrauenvertretung Milanie Hengst am 29. Juni 2020 auf der Sitzung der Hauptversammlung der dbb bundesfrauenvertretung in Bonn. „Die Entwicklung der Infektionszahlen zeigt, dass das Pandemiegeschehen noch lange nicht beendet ist. Die Kolleginnen und Kollegen vor allem in den Kommunen werden auch in den kommenden Wochen verstärkt mit der Eindämmung der Pandemie beschäftigt sein und dafür haben sie mehr als Applaus vom Balkon verdient“, so der dbb Bundesvorsitzende. „Jetzt müssen Fakten geschaffen werden. Insbesondere mit Blick auf den Gesundheitsdienst und die Beschäftigten im Kranken- und Pflegebereich – hier arbeiten fast ausschließlich Frauen – muss eine finanzielle Anerkennung dieser gesellschaftlich wichtigen Leistung erfolgen, die deutlich über einen Inflationsausgleich hinausgeht.“

Der am Vortag neu gewählten Vorsitzenden der dbb bundesfrauenvertretung Milanie Hengst sagte Silberbach seine volle Unterstützung für die anstehenden Aufgaben zu: „Die stockenden Fortschritte bei der Gleichstellung in den Verwaltungen gleichen einer Dauerbaustelle. Diese gilt es, mit vereinten Kräften endlich fertig zu stellen. Gemeinsam mit der dbb bundesfrauenvertretung als zentrale Akteurin werden wir dieses Ziel vehement verfolgen.“ Vor allem die Frage nach besseren Aufstiegschancen von Frauen im öffentlichen Dienst dürfe jetzt nicht im Tohuwabohu um die Krisenbewältigung untergehen, stellte Hengst in ihrer Antrittsrede heraus: „Wir haben ein reales Problem bei der Besetzung von Leitungspositionen. Das müssen wir in den Griff bekommen. Die gendergerechte Umsetzung der Digitalisierung mit zukunftsorientierten Konzepten für mobiles Arbeiten, auch das hat die Corona-Krise gezeigt, ist das passende Instrument, um Arbeitsbedingungen flexibler und Beförderungssysteme durchlässiger zu machen. Diese gewaltige Chance müssen die Verwaltungen jetzt aktiv ergreifen.“

In Bezug auf die deutsche EU-Ratspräsidentschaft, die am 1. Juli 2020 beginnt, forderte Hengst konsequentes, gleichstellungsorientiertes Handeln der Entscheidungstragenden. „So lange Männer in den Parteivorständen, Führungsetagen, Leitungsgremien und Krisenstäben aber weiterhin unter sich bleiben, wird die Erfahrung der Hälfte der Bevölkerung außenvorgelassen. Wenn wir hier nicht endlich auf paritätisch besetzte Entscheidungsgremien mit eindeutigen Quotenregelungen setzen, werden wir weder von der Politik noch von den Arbeitgebenden weitreichende und nachhaltige Lösungen für die gesellschaftlichen Probleme in Deutschland und Europa erwarten können. Hier sehe ich vor allem auch die Gewerkschaften in der Verantwortung“, machte Hengst unmissverständlich klar.

Milanie Hengst übernimmt das Amt der Vorsitzenden der dbb bundesfrauenvertretung von Helene Wildfeuer, die seit 1998 die Frauenorganisation des dbb beamtenbund und tarifunion leitete. Die Nachwahlen fanden bei der Sitzung der Hauptversammlung in Bonn statt. Aufgrund der Corona-Krise war der ursprünglich für 29. April 2020 geplante dbb bundesfrauenkongress, auf dem turnusgemäß eine neue Geschäftsführung gewählt werden sollte, abgesagt worden. Beides soll voraussichtlich 2021 stattfinden.  „Ich bin überwältigt von dem großen Vertrauen der weiblichen dbb Mitglieder, das sie mir in diesen ungewöhnlichen Zeiten entgegenbringen. Die Wahl nehme ich sehr gerne an und freue mich auf die neue Aufgabe“, erklärte Hengst. Mit ihr übernimmt eine erfahrene Personalrätin und ein langjähriges Mitglied der Deutschen Steuergewerkschaft (DSTG) den Vorsitz. Bereits seit 2015 ist Hengst Mitglied im geschäftsführenden Vorstand der dbb bundesfrauenvertretung. Erste Erfahrungen an der Spitze einer Frauenorganisation sammelte die beamtete Finanzwirtin bei der DSTG Bundesfrauenvertretung, deren Geschicke sie seit 2012 als Vorsitzende lenkt.

Helene Wildfeuer, die ihr Amt als Vorsitzende nach 22 Jahren niederlegte, bilanzierte: „Es war mir eine große Ehre, diese kraftvolle Organisation als Vorsitzende aufzubauen und zu führen und für die Belange der mehr als 400.000 weiblichen Beschäftigten einzutreten. Jetzt ist genau die richtige Zeit für einen Generationswechsel.“ Im Juli 2019 war die Regierungsdirektorin und langjährige Vorsitzende des Bezirkspersonalrates beim Landesamt für Steuern in Nürnberg, die auch Mitglied im Hauptpersonalrat beim Bayerischen Staatsministerium der Finanzen, für Landesentwicklung und Heimat war, in den Ruhestand gewechselt. Für ihre gewerkschaftlichen Verdienste, insbesondere beim Aufbau der neuen Bundesländer, wurde sie 2003 mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. Für ihre Verdienste im Finanzwesen überreichte ihr der damalige bayerische Finanzminister und heutige Ministerpräsident Markus Söder 2013 die Finanzmedaille in Silber. Neben ihrem frauenpolitischen Engagement im dbb beamtenbund und tarifunion war Wildfeuer zudem von 1996 bis 2019 stellvertretende Landesvorsitzende der Bayerischen Finanzgewerkschaft (bfg) und Bezirksvorsitzende des Bezirksverbandes Nordbayern sowie Mitglied des DSTG Bundesvorstandes.

Auf eigenen Wunsch verlässt auch Astrid Hollmann, stellvertretende dbb Bundesvorsitzende, die Geschäftsführung der dbb bundesfrauenvertretung. Sie hatte das Gremium seit 2006 als Beisitzerin unterstützt. In ihrem Amt verbleiben Jutta Endrusch (Verband Bildung und Erziehung), stellvertretende Vorsitzende, sowie die beiden Beisitzerinnen Elke Janßen (Gewerkschaft der Sozialversicherung) und Sabine Schumann (Deutsche Polizeigewerkschaft). Neu in die Geschäftsführung nachgewählt wurden außerdem Synnöve Nüchter (komba gewerkschaft) und Michaela Neersen (dbb sachsen-anhalt). Sie verstärken das Team der dbb bundesfrauenvertretung als Beisitzerinnen.

 

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