• Ein Mann steht hinter einem Rednerpult und spricht in das Mikrofon
    Bildergalerie
    dbb senioren-Chef Horst Günther Klitzing eröffnet die Seniorenpolitische Fachtagung 2026
  • Blick auf das Publikum in einem Konferenzraum, das interessiert einem Vortrag zuhört
    v.L.: Prof. Dr. Michael Denkinger (Präsident der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie), Volker Geyer (dbb Bundesvorsitzender), Maria Maier-Seel (Abteilungsleiterin für Prävention, Krankheitsbekämpfung, Öffentliche Gesundheit im Bundesministerium für Gesundheit) und Horst Günther Klitzing (Vorsitzender der dbb senioren)
  • Aufnahme von hinten in eine Konferenzhalle, auf der Bühne hält ein Mann einen Vortrag
    Impressionen von der Seniorenpolitischen Fachtagung 2026
  • Eine Frau steht hinter einem Rednerpult und spricht in das Mikrofon
    Maria Maier-Seel, Abteilungsleiterin für Prävention, Krankheitsbekämpfung, Öffentliche Gesundheit im Bundesministerium für Gesundheit, gibt einen Überblick über die aktuelle politische Lage
  • Ein Mann steht hinter einem Rednerpult und spricht in das Mikrofon
    Die logische Schlussfolgerung, dass die Versorgungsqualität im Sinne der Bevölkerung nicht vom Geldbeutel abhängen sollte, ziehen die Befürworter der Bürgerversicherung nicht.
  • Ein Mann steht auf einer Bühne und hält einen Vortrag
    Im Falle eines Falles: Prof. Dr. Michael Denkinger, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie, spricht über die Vorteile der Sturzprävention
  • Ein Mann steht hinter einem Rednerpult und spricht in das Mikrofon
    Macht Medikamentenlisten fit für Ältere: PD Dr. Farhad Pazan
  • Zwei ältere Männer unterhalten sich
    Impressionen von der Seniorenpolitischen Fachtagung 2026
  • Gruppenfoto einer Gruppe älterer Menschen
    Impressionen von der Seniorenpolitischen Fachtagung 2026
  • Eine ältere Frau unterhält sich mit einer jüngeren Frau
    Impressionen von der Seniorenpolitischen Fachtagung 2026
  • Blick in eine Konferenzhalle, das Publikum macht bei Fitness-Übungen mit
    Das Publikum macht fleißig bei den Lachyoga-Übungen mit
  • Eine Frau steht hinter einem Rednerpult und spricht in das Mikrofon
    Sarah Hoffmann will das Thema Einsamkeit stärker in den Fokus rücken
  • Drei Menschen sitzen auf einer Bühne und diskutieren miteinander
    Das Thema sorgte für eine lebhafte Diskussion zwischen MdB Simone Borchardt (o.), Prof. Dr. h.c. Christel Bienstein (u. l.) und Prof. Dr. Mark Schweda (u. r.). Magdalena Patalong (u. m.) moderierte beherzt und kompetent durch die Debatte.
  • Ein Mann steht hinter einem Rednerpult und spricht in das Mikrofon
    dbb senioren-Vize Norbert Lütke resümiert die Veranstaltung

Seniorenpolitische FachtagungNeuausrichtung statt Leistungskürzungen

Unter dem Titel „Bezahlbar und gut versorgt – neue Wege für die Gesundheit im Alter“ diskutierten Mitglieder der dbb bundesseniorenvertretung anlässlich der Seniorenpolitischen Fachtagung am 30. September 2026 in Berlin über notwendige Reformen im Gesundheitswesen.

Es gehe es nicht allein darum, steigende Kosten zu begrenzen, betonte Horst Günther Klitzing, Vorsitzender der dbb bundesseniorenvertretung, in seiner Eröffnungsrede. Entscheidend sei vielmehr eine Neuausrichtung: „Gesundheit im Alter muss nachhaltig, wirksam und menschenwürdig gestaltet werden.“

Dazu gehören aus Sicht der dbb bundesseniorenvertretung insbesondere mehr Prävention, eine bedarfsgerechte Medikation und Behandlung älterer Menschen sowie bessere Möglichkeiten zur gesellschaftlichen Teilhabe. Denn Einsamkeit und fehlende soziale Kontakte können sich auch auf die körperliche und psychische Gesundheit auswirken.

 

Reformschritte mit Nachdruck vorantreiben

 

Besonderen Handlungsbedarf sieht Klitzing in der Pflege. Mit den bisher vorgelegten Reformansätzen sei die dbb bundesseniorenvertretung nicht zufrieden. Die notwendigen Reformschritte in der Gesundheits- und Pflegepolitik müssten konsequent und mit Nachdruck vorangetrieben werden, zumal zahlreiche der aktuellen Probleme seit Langem bekannt, doch bis heute ungelöst seien, fügte Klitzing hinzu. Hinzu kämen sich verschärfende regionale Unterschiede, die es älteren Menschen insbesondere im ländlichen Raum immer schwerer machten, passende Gesundheitsangebote zu finden und wahrzunehmen.

In diesem Zusammenhang erteilte Horst Günther Klitzing Forderungen extremistischer Kräfte nach genereller Abschiebung von „Nichtdeutschen“ eine klare Abfuhr. „Wir alle sind diesen Menschen schon begegnet – im Gesundheitswesen“, erinnerte er die Anwesenden und fragte, wie die Gesundheitsversorgung in Deutschland wohl aufrechterhalten werden könne, wenn diese Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in Medizin und Pflege nicht mehr ihrer systemrelevanten Tätigkeit nachgehen dürften.

„Wir Seniorinnen und Senioren wollen uns auch zukünftig auf eine bezahlbare und gute Gesundheitsversorgung im Alter verlassen können“, sagte Klitzing. Eine verlässliche Versorgung sei auch Ausdruck der Wertschätzung für die Lebens- und Arbeitsleistung älterer Menschen. Zugleich gehe es um den Zusammenhalt der Gesellschaft: Die Stabilisierung des Gesundheitswesens und tragfähige Reformen bei Pflege und Rente seien wesentliche Voraussetzungen für den sozialen Frieden.

 

Präventionsoffensive für ein längeres gutes Leben

 

Maria Maier-Seel, Abteilungsleiterin für Prävention, Krankheitsbekämpfung, öffentliche Gesundheit im Bundesministerium für Gesundheit, hob in ihrem Grußwort hervor, dass die Gesundheitsversorgung und -vorsorge in Deutschland in den letzten Jahrzehnten erheblich besser geworden sei, was sich unter anderem in der gestiegenen Lebenserwartung widerspiegelt. Es gehe jedoch nicht nur darum, länger zu leben, sondern „länger gut zu leben“. Deshalb arbeite die Bundesregierung gerade an Reformen, um die Systeme zukunftsfest zu machen. Ausdrücklich betonte Maier-Seel, dass es dabei nicht „nur ums Sparen geht, sondern darum, besser zu werden“. Gesundheitsminister Carsten Linnemann wolle dafür unter anderem eine „Präventionsoffensive“, um die Entstehung von Krankheit oder Pflegebedürftigkeit nach Möglichkeit zu verhindern oder wenigstens zu verzögern. Gesundheitsschutz etwa durch Ernährung oder Bewegung liege letztlich zwar in der Eigenverantwortungen der Bürgerinnen und Bürger selbst, doch könne Politik die Menschen nicht nur informieren, sondern sie auf dem Weg zu einem neuen Gesundheitsbewusstsein „mitnehmen“. „Dafür stellen wir uns gerade gut auf“, so Maier-Seel.

 

 

„Wir brauchen Lösungen statt populistischer Phrasen!“

 

„Die sogenannte Zwei-Klassen-Medizin ist ein gutes Beispiel für eine Behauptung, die spaltet, aber keine Probleme löst“, sagte Volker Geyer, Bundesvorsitzender des dbb, in seinem Grußwort. „Angeblich würde es in einer vermeintlich solidarischen Bürgerversicherung keine Unterschiede in der Versorgung mehr geben. Aber letztlich ist es doch so: Eine Basisversorgung würde von einer Zwei-Klassen-Medizin zu einer Mehr-Klassen-Medizin führen. Wer es sich leisten kann, wird je nach Kontostand Zusatzversicherungen abschließen und sich somit Zusatzschutz erkaufen.“

Die logische Schlussfolgerung, dass die Versorgungsqualität im Sinne der Bevölkerung nicht vom Geldbeutel abhängen sollte, würden die Befürworter der Bürgerversicherung nicht ziehen, kritisierte der dbb-Chef. „Stattdessen erleben wir immer wieder, dass Neiddebatten gegen das Berufsbeamtentum geschürt und populistische Falschbehauptungen aufgestellt werden, die einem Faktencheck nicht standhalten. Wir brauchen nachhaltige Lösungen statt populistischer Phrasen!“

Der dbb wirbt nicht zuletzt in seiner aktuellen Kampagne „Deutschlands Stärke“ für eine faktenbasierte Debatte. Geyer: „Wir zeigen die Menschen, die dieses Land am Laufen halten. Die Menschen, die für Sicherheit, Bildung, funktionierende Infrastruktur und verlässliche öffentliche Leistungen sorgen“. Diese Botschaft richte sich an alle Generationen; an die Kolleginnen und Kollegen im aktiven Dienst sowie an die Seniorinnen und Senioren. „Sie haben den öffentlichen Dienst über Jahrzehnte mit Erfahrung, Pflichtbewusstsein und großem Einsatz geprägt. Ihr Wissen und ihre Lebensleistung verdienen Anerkennung, und ihre Perspektive muss in den heutigen Debatten gehört werden.“

 

Prävention im Alter – der blinde Fleck

 

In seinem Impulsvortrag „Vorsorge statt Nachsorge im Alter: Warum Prävention kein Verfallsdatum hat“ machte sich Prof. Dr. Michael Denkinger, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie, für den flächendeckenden Ausbau eines Systems von ambulanten geriatrischen Zentren innerhalb der kommenden acht bis zehn Jahre stark. Der auf Altersmedizin spezialisierte Internist begründete seine Forderung mit der voranschreitenden Alterung der Babyboomer, deren erste Jahrgänge in spätestens zehn Jahren zu Hochaltrigen würden, die mehr Prävention benötigen. „Sonst werden die Krankenhausaufenthalte allerspätestens ab 2040 sprunghaft ansteigen. Prävention ist für Gebrechliche zentral, sonst geraten sie in eine Spirale zunehmenden Verlusts ihrer Unabhängigkeit.“

Denkinger, selbst Ärztlicher Direktor der Agaplesion Bethesda Klinik und Leiter des Instituts für Geriatrische Forschung der Universitätsklinik Ulm, weiß aus seinem Arbeitsalltag, dass etwa nach Stürzen die Wahrscheinlichkeit weiterer Stürze zunimmt. Studien sprechen von einer Verdreifachung. Sollen Stürze und deren hohe Folgekosten vermieden werden, sei eine „Sekundäre Prävention“ nach einem Sturz unerlässlich. Diese müsse Pflege und Therapie mitdenken. Zentral sei, die soziale, kognitive und Mobilitätssituation der Patientinnen und Patienten zu erheben und individuell zu planen, was passieren müsse, damit Betroffene ihren Alltag wieder unabhängig gestalten können. Notwendig sei dafür ein systematisches Screening, ein Index, der umfassend Routinefunktionalitäten abfrage, wie etwa das für die Weltgesundheitsorganisation WHO entwickelte ICOPE-Programm. Auch Angebote für ein gezieltes Training müssten Teil dieser Präventionsprogramme sein: Muskel-, Sturz- und Gleichgewichtstraining seien zentral, um die eigene Unabhängigkeit möglichst lange zu erhalten und Erkrankungen, Stürzen sowie sozialer Isolation vorzubeugen.

 

Die richtigen Medikamente für den individuellen Patienten – nicht möglichst wenige

 

PD Dr. Farhad Pazan, Privatdozent und Koordinator des FORTA-Projekts an der medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg, stellte Strategien vor, mithilfe sogenannter FORTA-Listen Medikationsrisiken zu reduzieren und Therapien zu verbessern. FORTA steht für „Fit fOR The Aged“, also für „altersgerecht“, und dient dazu, festzustellen, welche Medikamente bei älteren Patientinnen oder Patienten fehlen, überflüssig sind oder ersetzt werden müssen. Wichtig war Pazan, dass es bei FORTA nicht darum gehe, möglichst viele Medikamente abzusetzen. In den FORTA-Therapien verändere sich in der Regel nicht die Anzahl der Medikamente, wohl aber Qualität und Auswahl.

Mit FORTA-Therapien sollen jene Probleme gelöst werden, mit denen insbesondere die Arzneiversorgung älterer Menschen zu kämpfen hat: „Die Prävalenz von Multimorbidität und Polypharmazie steigt. Solche Menschen sind in medizinischen Studien aber oft unterrepräsentiert“, erklärte Pazan. Dadurch werden Medikamente unpassend verordnet. Zudem nehme im Alter die Leistungsfähigkeit der Organe individuell unterschiedlich ab, was zu Unterschieden bei Wirksamkeit und Nebenwirkungen von Medikamenten führt. „Das chronologische Alter beschreibt den Patienten nicht ausreichend“, machte Pazan deutlich. 

Und FORTA? „Wir sehen eine signifikant geringere Zahl an unerwünschten Nebenwirkungen“, berichtete Pazan. „Alltagsfunktionen verbessern sich stärker als bei der Kontrollgruppe. Zudem werden Über- und Untertherapien seltener.“ Durch die Reduktion von Medikationsfehlern steige zum einen die Lebensqualität der Patientinnen und Patienten, zum anderen senke es auch die Behandlungskosten. 

Trotz der positiven Ergebnisse bleibe die Implementierung eine große Hürde für die Überführung von FORTA in die geriatrische Arzneimitteltherapie: Zum Beispiel wurden laut Pazan in mehr als 80 Prozent die Vorschläge einer FORTA-Software ignoriert.

Soziale Teilhabe muss Teil unserer Gesundheitsversorgung werden

 

Sarah Hoffmann, Leiterin der Tagespflegeeinrichtung „hoffmannsgarten“ in Berlin und Gründerin der Initiative „mittendrin statt nicht dabei“, erklärte in ihrem Impulsvortrag, warum Gesundheitsvorsorge im Alter auch das Thema Einsamkeit in den Blick nehmen muss. Einsamkeit sei für die Betroffenen oft schmerzhaft und wirke sich auf Lebensqualität und Gesundheit aus. Oft trete sie dann auf, wenn sich die Betroffenen in einem Übergang in eine neue Lebensphase befänden: Eintritt in die Rente, Verwitwung, Krankheitsdiagnosen oder ein Wohnortswechsel können Auslöser sein. „Menschen über 75 sind eine besonders relevante Risikogruppe – nicht, weil sie alt sind, sondern weil sich bei ihnen Verluste häufen“, sagte Hoffmann.

Um dem entgegenzuwirken, müssen aus Hoffmanns Sicht Maßnahmen gegen Einsamkeit ein fester Bestandteil unserer Gesundheitsversorgung werden. Einsamkeit müsse in die Pflegebegutachtung aufgenommen und im Leistungsrecht verankert werden. „Soziale Teilhabe darf kein Freizeitangebot sein. Es muss ein selbstverständlicher Teil unserer Gesundheitsversorgung werden“, machte sie deutlich.

 

Podiumsdiskussion: Medizin ohne Grenzen: Wann ist genug genug?

 

Prof. Dr. h.c. Christel Bienstein, Departmentleitung Pflegewissenschaft Universität Witten/Herdecke a.D., Präsidentin des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe (DBfK) a.D. wies auf die zentrale Bedeutung der Patientenverfügung hin.

„Zuerst brauchen wir Menschen, die etwas dazu gesagt haben, wie sie behandelt werden wollen. Ältere haben meist eine Patientenverfügung.“ Viele Patienten und Patientinnen könnten sich glücklicherweise dazu äußern, welche oder wie viel Behandlung eigentlich gewünscht wird. Das sei wesentlich. Gerade junge Koma-Patienten hätten diese Patientenverfügung, Vorsorgevollmacht oder Betreuungsverfügung jedoch häufig nicht.

Damit der Wille des Patienten auch berücksichtigt wird, gäbe es in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen Ethikkommissionen und ethische Fallbesprechungen mit Patienten oder deren Angehörigen. Sowohl Über- als auch Unterbehandlungen seien problematisch. „Wir brauchen viel mehr präventive Beratungen, um Pflegebedürftige gut zu begleiten.“

Um Menschen am Lebensende gut zu begleiten, müssen Pflegekräfte darauf Rücksicht nehmen, was ein Mensch im direkten Sterbeprozess braucht oder sich wünscht. Dafür müsse die Krankenhausstrukturreform weiterentwickelt werden. „Wir haben in Deutschland genügend Pflegekräfte. Sie sind nur falsch verteilt“, stellte Bienstein fest. Pflegekräfte hätten die Pflicht Einspruch zu erheben, wenn ein Patient, der das nicht wünscht, immer weiter behandelt wird. Die Pflegekräfte müssten genug Zeit bekommen, um aufmerksam zuhören zu können, was der oder die Betroffene eigentlich brauche. „Ich wünsche mir, dass Menschen gut versorgt und so begleitet werden, dass sie, wenn sie gehen möchten, würdevoll sterben können. Und dafür braucht es mehr Palliativ-Angebote, davon gibt es in Deutschland zu wenige.“

Aus Sicht von Prof. Dr. Mark Schweda, Leiter der Abteilung für Ethik in der Medizin am Department für Versorgungsforschung der Fakultät VI – Medizin und Gesundheitswissenschaften der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, komme in den Diskussionen über Gesundheitspolitik der Aspekt der Lebensqualität zu kurz: „Lebensqualität hat in der medizinischen Versorgung lange eine untergeordnete Rolle gespielt. Wichtiger war, wie gut die Operation funktioniert hat. Aber was bringt es, wenn nur der Arzt zufrieden ist?“ Mittlerweile gebe es aber einen klaren Trend hin zur Patientenzufriedenheit.

Natürlich sei es schwierig, Lebensqualität im Alter zu messen. Oft werden Selbstauskünfte genutzt – „aber man kann sich eben auch täuschen. Deshalb ist es nützlich, auch andere Personen aus dem direkten Umfeld zu fragen“, schlug Schweda vor. Daneben gebe es aber auch objektive Parameter wie eine angemessene Wohnung oder soziale Teilhabe. „Das muss alles zusammen gedacht werden.“

Zur Versorgungslage in Deutschland meinte er: „Es gibt Unterversorgung, Überversorgung und Fehlversorgung – alles gleichzeitig.“ Die genauen Umstände hängen stark vom Bereich ab. „Es ist eine bedarfsgerechte Versorgung nötig“, forderte Schweda. „Allerdings ist die Grenze zwischen sinnvoller Versorgung und Übertherapie oft nicht so klar“. Wie sinnvoll Maßnahmen seien, hänge vom Ziel der Behandlung ab. „Und Behandlungsziele fallen nicht vom Himmel, sie entstehen im Dialog mit dem Patienten.“

Schweda weiter: „Pflege wird in der Debatte um Gesundheit oft ausgeklammert, dabei ist sie essentieller Faktor für die Lebensqualität.“ Den Anwesenden riet er: „Beteiligen Sie sich an den Diskussionen. Ältere Menschen haben demografische, finanzielle und politische Macht.“

Simone Borchardt, MdB, Gesundheitspolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und Vorsitzende der Arbeitsgruppe Gesundheit, sah vor allem strukturelle Probleme: „Das Gesundheitssystem ist vorwiegend darauf ausgerichtet, Krankheiten zu heilen. Prävention kommt dagegen kaum vor. Hier muss ein Umdenken stattfinden.“ Zudem fehle es in Deutschland an Steuerungsfunktionen. Abhilfe soll das im Herbst kommende Primärversorgungsgesetz schaffen. Borchardt bemängelte auch, dass in der Fläche viele Fachärzte fehlen. Um das zu ändern, wolle sie die richtigen Rahmenbedingungen schaffen und die Telemedizin voranbringen. „Wir müssen viel am Gesundheitssystem reformieren. Aber die Beharrungskräfte sind enorm groß“, erklärte sie. 

Die Sprecherin wolle sich zudem gegen Fehlanreize einsetzen. So sollen zukünftig Zweitmeinungen bei Hüft-OPs nötig sein. Das Gesundheitssystem sei außerdem viel zu voreilig darin, Hilfsmittel zu verteilen. Zwar seien beispielsweise Rollatoren sicherlich für viele eine Hilfe, allerdings baue der Körper dann schneller Funktionen ab, die er eigentlich noch gut leisten kann. „Alter bedeutet nicht automatisch pflegebedürftig“, stellte Borchardt klar. 

In der Diskussion sprach sich Borchardt dafür aus, die Patientenverfügung zur Pflicht zu machen und diese in die Elektronische Patientenakte aufzunehmen. Das entlaste Angehörige. „Wir haben die technischen Möglichkeiten und sollten sie auch nutzen.“ 

 

Keine Zwei-Klassen-Medizin

 

Norbert Lütke, Zweiter Vorsitzender der dbb bundesseniorenvertretung, fasste in seinem Schlusswort die Erkenntnisse des Tages zusammen und griff das Thema der Podiumsdiskussion, das Spannungsverhältnis zwischen Rationierungen und Überversorgung und die sich daraus ergebenden Finanzfragen, auf. Er erinnerte daran, dass der Wille, die Sozialversicherungssysteme zu reformieren, um Generationengerechtigkeit herzustellen, nicht dazu führen dürfe, die Gesundheitsversorgung Älterer und Hochbetagter unter Kostenaspekten zu hinterfragen. „Denn sonst“, so Lütke, „bekommen wir tatsächlich eine Zwei-Klassen-Medizin, die dann zwischen Jung und Alt unterscheidet.“ Dann würde gefragt, ob sich eine Behandlung „noch lohnt“. Die Debatte um Leistungskürzungen für Ältere und Hochbetagte hat die Menschen nicht nur verunsichert. „Es besteht immer auch die Gefahr, dass die politischen Ränder das Thema für sich nutzen. Das gilt es auf jeden Fall zu verhindern!“

 

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